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Auf Bilderjagd by Kerstin Walker
Woman - Edition 20/19.September 2006
Urlaub mit Lernen verbinden? Ist das nicht anstrengend? woman-Authorin Kerstin Walker wollte es herausfinden und belegte einen Fotoworkshop in der Wüste Namibias.

Vor dem Abflug ins Wüstencamp plagen mich Gewichtsprobleme, denn wir dürfen laut Airline höchstens zehn Kilo Gepäck mitnehmen. Dabei wiegen zwei Kameras, Filme und Stativ mehr als jede Urlaubsklamotte und niemals werden wir es schaffen, uns mitsamt der Ausrüstung in die winzige Cessna zu zwängen, die uns in die Wüste fliegen soll. Die Ladefläche ist etwa so geräumig wie ein Umzugskarton. Meine acht Workshop Kollegen und ich kämpfen mit
 
unseren Kilos, der Check-in läuft so
schwerfällig wie ein Startversuch bei den Weight-Watchers.

Eine Flugstunde südlich von Windhoek liegt Wolwedans. Wo einst Wüstenhunde tanzten, liegen heute Zelte und ebenholzfarbene Holzchalets zwischen Dünen. Beim Anflug zeigt das luftige Landschaftskino sanft gerundete Kegeldünen, die wie Sandbrüste in den Himmel ragen. Und Baumkuchengebirge, Gesteinscheiben in Mokka- und Nougatbraun stapeln sich Schicht um Schicht. Nach der Landung auf einer Schotterpiste erwartet uns Operi, der afrikanische Wüstenguide. Eine Woche lang wird er uns ins Sanddünengebiet führen, denn Operi kennt die Namib ebenso gut wie Eddies Handschuhfach – Eddie ist Operis Landrover, und auch er übernimmt in den kommenden Tagen wichtige Aufgaben. Mit dem ausladenden Dach dient er als mobiler Sonnenschirm mit Vierradantrieb, als Motocross-Fahrzeug und Fotolabor in einem. Operi und er sind in der Wüste einfach unverzichtbar. Im Camp angekommen, gibt uns Dionys Moser, der Schweizer Workshop-Leiter, einen Vorgeschmack, auf die vor uns liegenden Tage. “Noch vor Sonnenaufgang beginnen wir, dann glüht die Wüste vor, und es enstehen die besten Bilder.” Leider vergisst Dionys zu erwähnen, das “früh raus” unter Fotografen genau genommen “mitten in der Nacht” bedeutet und das jeden Tag.

Operi holt uns am ersten Tag um 3.30 Uhr ab, um uns auf einer Düne abzusetzen, mitten im Naturreservat NamibRand. Dieses 200 000 Hektar grosse Areal im Südwesten des Landes hat offene Grenzen zu den Nachbargebieten, dem Namib Naukluft Park und dem Nubibgebirge. Die Tiere ziehen ungehindert umher, das sorgt für eine ungeheure Vielfalt. Und durch die Grösse der menschenleeren Wüste wird ein nicht unangenehmes Gefühl von stiller Einsamkeit geweckt.

Dass so eine Tour aber auch richtig anstrengend ist, schreckt keinen meiner Workshop-Kollegen ab. Andreas findet sogar, dass eine Fotoreisegruppe auch nicht anders unterwegs ist als “normale Reisende”, wie er sie nennt. “Die zieht’s vielleicht ans Meer, zum Surfen”, philosophiert er, “oder in die Berge zum Skifahren. Wir wollen auch nur eins. Und das ist Fotografieren, und zwar rund um die Uhr.”

Stative und Kameras stellen wir im Halbkreis im Sand auf. Im Dunkeln werden Filme eingelegt, die Objektive gereinigt und angeschraubt. Wir sind bereit. Andreas, beruflich eher auf das Ablichten von Popstars spezialisiert, kommentiert die beginnende Lightshow des Morgenhimmels: “Es kommt, es kommt, lueg mal.” Langsam tasten sich feuerrote Strahlen über die Bergkette. “Das Alpenglühen”, witzelt Dionys, “und wer hat’s erfunden?” Genau, die Schweizer. Er korrigiert unsere Einstellungen und dreht und wendet Stative wie Bratspiesse überm Feuer. “Der Ausschnitt ist das Wichtigste”, sagt unser Lehrer. “Ohne Bildkomposition werden eure Fotos nur Erinnerungsbilder.” Bildkomposition, denke ich, während ich aufmerksam durch meinen Sucher spähe. Wie tiefgrüne Knöpfe auf einem Kleid sitzen Kameldornbäume im Sand. Orange schimmernde Dünen mit kessen Straussengrasmützen wellen sich bis an den Horizont. Mal wird die eine, mal die andere vom Sonnenlicht gefärbt. Klick macht mein Auslöser. In der Namib flirrt inzwischen die Luft über dem roten Dünensand. Mir glüht der Kopf und ich wünsche mich weit weg, am liebsten ans Meer der Westküste nach Swakopmund vielleicht? Dort, an der Lagunenküste Namibias, könnte ich jetzt in den Wellen abtauchen, genau da, wo noch vor wenigen Wochen Bratt Pitt seinen Luxuskörper ins Wasser gleiten liess, während sich Angeline Jolie auf die Geburt der gemeinsamen Tochter Shilo Nouvel vorbereitete.

Später, als die Sonne zu hoch steht, beschränkt sich unsere Motivjagd auf Objekte, denen die gleissende Mittagssonne nichts anhaben kann. Riesige Webervogelnester zum Beispiel, die wie schlaff im Baum hängende Teddys aussehen. Oder Köcherbäume, kaktusähnliche Gewächse mit Blüten wie kleine Cheerleader-Pompons. Operi erklärt uns, dass ihre Wasser gefüllten Stämme sogar einen Verdurstenden retten könnten.

Am darauffolgenden Morgen rasen wir vier Stunden mit dem Geländewagen durch die Wüste zum Naturpark Sossusvlei. Heute steht die Nordwand-Besteigung von “Big Daddy” auf dem Programm. Die 400 Meter hohe Düne erklimmen wir trotz saunaähnlicher Temperaturen, um vom Grat auf das berühmte Dünenmeer von Sossusvlei zu schauen. Allerdings erweist es sich als sehr kippeliges Unternehmen, dort das Stativ zu verankern. Im Tal wabbert die heisse Luft über der Lehmkruste. Bizarre Baumruinen ragen in den Himmel, und ich ahne: Wenn es eine Fata Morgana gibt, werde ich sie hier sehen.

Viele verknipste Filme später steuern wir zusammengesunken unter Eddies Sonnendach heim, zurück zur Wolwedans-Lodge. Doch da, gleich neben der Reifenspur, bewegt sich ein buntes Etwas! Als ich mein erstes Chamäleon entdecke, vergesse ich glatt das Fotografieren. Pink, orange und braun gesprenkelt stakt der bauchige Geselle durch den Sand, den Ringelschwanz in die Luft gereckt wie einen Henkel. Sein prächtiges Design liesse eine Multicolor-Tasche von Louis Vuitton vor Neid erblassen. Auch meine Foto-Kollegen sind beeindruckt. Sie lassen sich in Sekundenschnelle vom Wagen fallen, umzingeln das erstarrte Tierchen und drücken mehrfach ab.

In meinem Chalet angekommen, lege ich die vollen Filme zu denen des vergangenen Tages. Sie sind mein kostbarstes Gut, ich werde sie hüten und später, während des Fluges bei mir tragen, wie es Profis machen. Ob die Fotos etwas geworden sind, werde ich erst in einigen Tagen wissen. Dann wird sich zeigen, ob der Ausschnitt stimmte, das Licht und vor allem: die Bildkomposition. Und dann frage ich mich: Was wäre so schlimm daran, wenn die Aufnahmen nicht perfekt sind? Die Antwort ist simple. Es wären eben wunderbare Erinnerungsfotos.
 
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